Max Mannheimer erzählt

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Es war wohl eine der beeindruckendsten Veranstaltungen der Reihe Treffpunkt Landtag, zu der sich da am 23. Januar 2011 fast sechzig Interessierte im Bürgerbüro von Martin Güll in Markt Indersdorf drängten. Sie erlebten einen, trotz aller erlebten Schrecknisse ausgesprochen humorvollen Gast und großen Menschenfreund auf dem roten Sofa.

Max Mannheimer im Gespräch mit Anja Güll

Max Mannheimer anwortete Anja Gülls Fragen auf dem roten Sofa ihres Vaters

Max Mannheimer berichtete als Gast auf dem roten Sofa aus seinem Leben. Er, dem als Kind das Märchen Hänsel und Gretel schon zu grausam war, kam als 23-Jähriger plötzlich in das Inferno der Judenverfolgung. Mit klaren Worten schilderte der Holocaust-Überlebende, der am 6. Februar seinen 91. Geburtstag feiert, wie er zusammen mit seinen Eltern, Brüdern, der Schwester und seiner jungen ersten Frau um Mitternacht an der Rampe in Auschwitz ankam. Er berichtete wie die arbeitsfähigen und kräftigen jungen Männer aussortiert und alle anderen direkt in die Gaskammern geschickt wurden.

Es blieb kein Stuhl frei im Bürgerbüro – das Interesse war erwartungsgemäß groß

Was ihm trotzdem immer wieder den Mut zum Weitermachen gemacht habe, wollte Anja Güll, die Tochter von SPD-Landtagsabgeordnetem Martin Güll, als Fragestellerin auf dem roten Sofa von dem Zeitzeugen wissen. Max Mannheimer räumte ein, dass er bei einem Zählappell durchaus ein Warnschild „Achtung Starkstrom – Vorsicht Lebensgefahr“ gelesen habe und dachte, wenn ich mich da hineinwerfe, ist es vorbei. Das habe er auch seinem neben ihm stehenden jüngeren Bruder Edgar (17) gesagt. Darauf fragte der zurück: „Willst Du mich allein lassen?“ Da habe er sich als 23-Jähriger geschämt. Also machte er weiter und beachtete das wichtigste Gesetz, das er von einem kommunistischen Politgefangenen aus Stuttgart gelernt hatte: „Bloß nicht auffallen!“

Das Ausmaß des Terrors konnte sich niemand vorstellen

Völlig naiv sei er gewesen. Die Ausmaße des Terrors habe er sich gar nicht vorstellen können. Auch sein Vater sei der naiven Meinung gewesen, er habe sieben Jahre lang Kaiser Franz Josef von Österreich gedient, ihm werde schon nichts passieren. Von den Gaskammern hätten die Juden in den an der Rampe von Auschwitz ankommenden Viehwagons nichts geahnt. Arbeitseinsätze ohne Gasmaske in Schwefelbergwerken fürchteten sie. Naiv fragte Mannheimer einen tschechischen Mitgefangenen, was mit den Frauen und Kindern, von denen sie bei der Ankunft sofort getrennt worden waren, geschehen sei. Antwort: „Die gehen durch den Kamin.“ Von 1000 Menschen überlebten 155 Männer und 65 Frauen.

Max Mannheimer berichtete vom drei Kilometer entfernten Lager Birkenau, von Theresienstadt, vom Arbeitseinsatz zum Wiederaufbau des zerstörten Ghettos in Warschau, von seiner Ankunft im KZ Dachau und den Außenlagern Karlsfeld und Mühldorf. Die Amerikaner befreiten ihn nahe Tutzing und Mannheimer konnte erstmals wieder in einem richtigen Bett schlafen. Er beschloss das Land für immer zu verlassen, das Menschen wegen ihrer Religion vergast hatte.

Doch zurück in seiner böhmischen Heimat lernte er ein junges deutsches Mädchen, Elfriede Eiselt, kennen, die mit einem jüdischen Arzt verheiratet gewesen war und britischen Gefangenen während der Nazizeit geholfen hatte. Die Sozialdemokratin sagte, Deutschland habe die Chance, nach dem Naziterror eine Demokratie zu werden. „Wenn man verliebt ist, glaubt man das“, stellte Mannheimer mit einem Schmunzeln und unter dem Gelächter seiner rund 50 Zuhörer fest. So ging er mit ihr, die seine zweite Frau wurde, Ende 1946 nach Deutschland, dessen Boden er nie mehr hatte betreten wollen.

Max Mannheimer im Bürgerbüro

Neonazi erfolgreich aus dem braunen Sumpf geholt

Das Trauma des Holocausts verarbeitete Max Mannheimer statt auf der Couch eines Psychiaters zu liegen, durch seine Vorträge. Denn er hat trotz allem nicht den Glauben an das Gute im Menschen verloren: „Freiheit und Humanität zu verwirklichen, muss das Ziel bleiben!“ Wie erfolgreich Mannheimer mit seiner Erinnerungsarbeit getreu dem Mott „Nie wieder“ war, mag eine Episode zeigen. Anlässlich eines Prozesses in München gegen den britischen Holocaust-Leugner David Irving traf Mannheimer auf den jungen Neonazi Bela Ewald Althaus. Er ging auf diesen zu und fragte ihn, wie ein junger Intelligenter Mann zu solchen Ansichten komme und Lügen verbreite. Mannheimer ließ Althaus sein Buch „Spätes Tagebuch“ zukommen. Als Althaus wegen rechtsradikaler Delikte im Gefängnis einsaß, besuchte er diesen und führte ein Gespräch mit ihm. Althaus stieg noch bei seinem Prozess aus der Neonazi-Szene aus. „Heute ist er völlig geheilt“, so Mannheimer.

Auch von einem Skinhead aus Braunschweig berichtete Mannheimer, der ihm eigentlich Angst einflößen wollte. Doch Mannheimer meinte: „Mein Hauptangstpotential habe ich schon in Auschwitz verbraucht.“ Heute hat der ehemalige Skinhead eine israelische Flagge an der Wand hängen und lebt mit einer polnischen Lebensgefährtin zusammen.

Mannheimer stellte sich die Frage, wie solche jungen Menschen von der Neonazi-Ideologie eingefangen werden. „Wir müssen solche Leute integrieren und wieder in die Gesellschaft einbeziehen!“ Wenn Mannheimer in die Schulen kommt, haben die Lehrer meistens im Unterricht schon das Thema vorbereitet.

Zum Abschluss überreichte Martin Güll Max Mannheimer einen Obstkorb bevor der sich noch in Gülls rotem Gästebuch verewigte und den zahlreichen Käufern seines Buches eine persönliche Widmung in ihre Exemplare schrieb. rds

(Quelle: www.martin-guell.de)

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